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Schon bei der ersten Präsentation der Ducati Desert X im Jahr 2022 war klar, dass es sich um ein aussergewöhnliches Modell handelt. Schliesslich war die italienische Enduro das erste Serienmodell von Ducati mit 21-Zoll-Vorderrad. Zusätzliche Aufmerksamkeit erregte das ikonische Design, das sich stilistisch an die legendäre Cagiva Elefant 900 anlehnt und Klassik mit Moderne verbindet.
Vier Jahre später, an der EICMA 2025, präsentierte Ducati die aktuelle Modellvariante. Für das Modelljahr 2026 wurde die Desert X nicht nur optisch, sondern auch technisch überarbeitet. Wie deutlich sich diese Anpassungen im Fahrbetrieb bemerkbar machen, konnten wir während einer rund zehntägigen Testphase im Alltag und auf ausgedehnten Touren ausprobieren.
Allerdings blieb der Offroad-Anteil unseres Tests begrenzt. Die Desert X konnten wir nur kurz auf Schotterwegen bewegen. Der folgende Fahrbericht konzentriert sich deshalb auf den Einsatz im Alltag und auf Touren auf asphaltierten Strassen.
Massiver Ersteindruck
Wer sich der Ducati Desert X nähert, erkennt schnell: Die Bezeichnung als Mittelklasse-Reiseenduro wird diesem Motorrad kaum gerecht. Die Desert X ist lang, hoch und wirkt entsprechend stattlich – eine ausgewachsene Reiseenduro.
Der Radstand beträgt 1615 Millimeter. Damit übertrifft die Ducati sogar die Multistrada V4 Rally um mehr als vier Zentimeter und liegt fast zehn Zentimeter über dem Radstand einer BMW R 1300 GS.
Mit 880 Millimetern fällt zudem die Sitzhöhe entsprechend üppig aus. Für einen sicheren Stand an der Ampel oder beim Rangieren sollte man mindestens 1,75 Meter gross sein – besser noch etwas mehr. Mit den Sitzbänken aus dem Ducati-Originalzubehör lässt sich die Höhe je nach Variante um 20 Millimeter anheben oder absenken. Doch selbst mit der auf 860 Millimeter reduzierten Sitzhöhe bleibt die Desert X ein Motorrad für Grossgewachsene.
Die entsprechende Beinlänge vorausgesetzt, sitzt man auf der Italienerin ausgesprochen gut. Der Kniewinkel ist angenehm, der breite Lenker optimal positioniert. Die Sitzposition vermittelt sowohl im Sitzen als auch im Stehen ein natürliches Gefühl und schafft damit gute Voraussetzungen für sportliches Fahren auf Asphalt ebenso wie für Ausflüge ins Gelände.
Einziger Wermutstropfen ist der fest verbaute Windschild. Wer gross genug ist, um die Desert X komfortabel zu fahren, bekommt die Verwirbelungen direkt am Helm ab. Ab Geschwindigkeiten von rund 100 km/h entstehen dadurch deutlich wahrnehmbare Windgeräusche.
Wer sich daran stört, findet im Ducati-Konfigurator passende Alternativen. Zur Wahl stehen ein 20 Millimeter höheres Touring-Windschild sowie eine 60 Millimeter niedrigere Sportvariante. Letztere dürfte insbesondere für den Geländeeinsatz die interessantere Wahl sein.
Vom Koloss zum Kurvenräuber
Im Sattel bestätigt sich der massive Ersteindruck – zumindest teilweise. Denn die befürchteten Nachteile der grossen Abmessungen bleiben aus. Sobald die mächtige Enduro rollt, scheint sie förmlich zu schrumpfen.
Dazu trägt sicher auch das vergleichsweise geringe Gewicht bei: Vollgetankt bleibt die Desert X unter der Marke von 225 Kilogramm. Vor allem aber machen sich die positiven Eigenschaften des langen Radstands bemerkbar. Die Ducati fühlt sich bereits auf den ersten Metern ausgesprochen stabil an und vermittelt sofort viel Vertrauen.
Ist der Kurvenradius einmal anvisiert, zieht die Desert X ihre Linie beinahe wie auf Schienen. Trotz der ausgeprägten Kurvenstabilität lässt sie sich auch durch enge Spitzkehren präzise einlenken, ohne dabei nervös zu wirken. Der serienmässige Lenkungsdämpfer dürfte seinen Teil zu diesen überzeugenden Fahreigenschaften beitragen.
Fahrwerks-Spagat zwischen Komfort und Sportlichkeit
Dank der sportlichen Grundabstimmung des Fahrwerks bleibt die Stabilität auch auf schlechtem Asphalt sowie beim harten Anbremsen und Beschleunigen erhalten. Angesichts der üppigen Federwege von 230 Millimetern an der Vorder- und 220 Millimetern an der Hinterachse ist es beeindruckend, wie gut Ducati den Spagat zwischen Komfort und Sportlichkeit gelungen ist.
Während unserer Testfahrten waren wir auf unterschiedlichsten Strassen unterwegs – von gut ausgebauten Landstrassen bis zu holprigen und teilweise beschädigten Asphaltpassagen. Trotzdem hatten wir nie das Bedürfnis, die Fahrwerkseinstellungen anzupassen.
Die Desert X steckt Unebenheiten souverän weg, ohne dabei schwammig zu wirken. Gleichzeitig vermittelt sie auch bei sportlicher Gangart eine präzise Rückmeldung. Genau diese Kombination macht das Fahrwerk zu einer der grossen Stärken der Ducati.
Ein V2 mit breitem Einsatzspektrum
Besonders gut ist Ducati die Überarbeitung des V2-Motors gelungen. Die Italiener sind vor allem darauf stolz, dass die aktuelle Motorgeneration der leichteste V2 ist, den Ducati je produziert hat. Aus unserer Sicht ist jedoch eine andere Eigenschaft noch wichtiger: Der neue V2 ist ausgesprochen gutmütig.
Bereits bei 3000 U/min stehen rund 70 Prozent des maximalen Drehmoments von 95 Nm zur Verfügung – und das merkt man im Fahrbetrieb deutlich. Die Desert X nimmt bereits bei niedrigen Drehzahlen willig Gas an und lässt sich dadurch gerade im Stadtverkehr angenehm und unkompliziert bewegen. Auch im Gelände dürfte diese Charakteristik ein grosser Vorteil sein.
Trotzdem hat der charakteristische V2 mit 890 Kubikzentimetern Hubraum und 110 PS Spitzenleistung nichts von seinem Charme eingebüsst. Dreht der Motor hoch, beschleunigt er kraftvoll und sorgt auch bei zügiger Fahrt auf Pass- und Landstrassen für jede Menge Fahrspass. Ganz ehrlich: Mehr Leistung braucht man eigentlich nicht.
Hochwertig bis ins Detail
Die Ausstattung und die Verarbeitungsqualität passen Ducati-typisch zum überzeugenden Gesamteindruck. Vom Lenker bis zu den Fussrasten finden sich hochwertige und edel anmutende Bauteile. Kabel und Leitungen sind grösstenteils unsichtbar verlegt. Und auch dort, wo sie sichtbar sind, wirken sie aufgeräumt und sauber geführt.
Das moderne 5-Zoll-Farb-TFT-Display rundet den positiven Eindruck ab. Es ist gut ablesbar und lässt sich über den Joystick am linken Lenkerende intuitiv bedienen. Nach kurzer Eingewöhnungszeit findet man sich problemlos durch die verschiedenen Menüs.
Auch bei der Elektronik fährt Ducati mit grossem Geschütz auf. Die sechs Riding Modes lassen sich individuell konfigurieren. Damit kann das Ansprechverhalten des Motors und die verschiedenen elektronischen Assistenzsysteme an den persönlichen Fahrstil und die jeweiligen Bedingungen angepasst werden.
Ob gemütliches Cruisen, sportliche Kurvenhatz oder wechselnde Strassenverhältnisse: Per Knopfdruck steht das passende Programm bereit.
Retos Fazit: ein Motorrad für den Weg ins Ungewisse
Mit der neuen Desert X ist Ducati ein richtig grosser Wurf gelungen. Als grosser Fan des an die Cagiva Elefant 900 angelehnten Designs muss ich allerdings zugeben, dass ich beim Anblick der neuen, oben und unten leicht abgesägten Scheinwerfer keine Freudensprünge gemacht habe.
Ausserdem hätte ich mir gewünscht, dass Ducati bei der Überarbeitung der Frontmaske auch eine Verstellmöglichkeit für das Windschild integriert hätte. Gerade bei einem Motorrad, das sich ausdrücklich an Tourenfahrer richtet, wäre das aus meiner Sicht eine sinnvolle Ergänzung gewesen.
Der technische Fortschritt, den die aktuelle Modellgeneration gemacht hat, wiegt diese beiden kleinen Wermutstropfen jedoch bei weitem auf. Allen voran steht für mich der überarbeitete V2-Motor. Er ist nicht nur der leichteste V2, den Ducati je gebaut hat, sondern aus meiner Sicht auch einer der besten Motoren dieser Bauart, die je in Bologna entstanden sind.
Besonders erfreulich ist zudem, dass Ducati den charakteristischen V2-Sound bewahrt hat. Die Desert X ist keineswegs übertrieben laut, klingt aber trotzdem unverkennbar nach Ducati.
Die neue Desert X gehört für mich zu den wenigen Motorrädern, die meinen persönlichen Fahrstil nahezu perfekt abbilden. Sie verbindet Emotionen, Tourentauglichkeit und Sportlichkeit auf eine Weise, die im Alltag ebenso funktioniert wie auf ausgedehnten Touren.
Es ist ein Motorrad, auf das man früh am Morgen leichtes Gepäck schnallt und einfach losfährt – ohne zu wissen, wohin die Reise führt und wie lange sie dauern wird.
Dabei spielt es keine grosse Rolle, ob feinster Asphalt, grob geteerte Strassen oder Schotter unter den Rädern liegt. Die Ducati Desert X vermittelt unabhängig vom Untergrund dieses besondere Gefühl von Freiheit und Abenteuer. Und genau diese Freiheit auf zwei Rädern ist es, die für mich den Reiz des Motorrad- und insbesondere des Tourenfahrens ausmacht.



























