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Moto Guzzi Stelvio – erfrischend anders

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Test im kurvenreichen Schwarzwald

Ein Test mit einer Moto Guzzi ist im Redaktionsalltag stets eine willkommene Abwechslung. Kaum ein anderer Hersteller baut heute noch Motorräder mit einem derart eigenständigen Charakter. Die Moto Guzzi Stelvio macht dabei keine Ausnahme. Die luxuriöse Reiseenduro hebt sich auf erfrischende Weise von der Konkurrenz ab, ohne optisch oder technisch unnötig exzentrisch zu wirken.

Während unserer Testfahrt besuchen wir das Touratech Travel Event, das traditionell jedes Jahr am Hauptsitz des deutschen Zubehörspezialisten in Weissach stattfindet. Die kurvenreichen Strassen des Schwarzwalds, die sich von der Schweizer Grenze bis vor die Tore von Touratech schlängeln, bieten die perfekte Kulisse, um der abenteuerlustigen Italienerin auf den Zahn zu fühlen.

 

Hochwertiger Ersteindruck

Damit keine Missverständnisse entstehen: Bei unserem Testmotorrad mit der gefälligen gelben Lackierung handelt es sich um ein Modell des Vorjahres. Technisch entspricht es jedoch vollständig den 2026er-Modellen. Neu ist lediglich die Farbpalette: Die Moto Guzzi Stelvio ist ab dieser Saison in den Farben Grigio Climbing (Grau) und Verde Hiking (Grün) erhältlich. Typisch Moto Guzzi überzeugen sowohl die bisherigen als auch die aktuellen Lackierungen durch Stil und eine hochwertige Ausführung.

Diesen positiven Eindruck setzt die Verarbeitung konsequent fort. Saubere Schweissnähte, hochwertige Anbauteile sowie unauffällig verlegte Kabel und Leitungen verleihen der italienischen Reiseenduro einen erstklassigen Auftritt.

 

Bereits beim ersten Aufsitzen fühlt man sich auf der Stelvio zuhause. Sie gehört zu jenen Motorrädern, die praktisch keine Eingewöhnungszeit verlangen. Die Sitzposition ist klassentypisch aufrecht und bequem, der Kniewinkel angenehm entspannt und der Lenker genau dort, wo man ihn erwartet. Auch die Stehposition passt – wären da nicht die dafür etwas klein geratenen Fussrasten. Wer regelmässig stehend über Schotterpisten bügelt, ist mit grösser dimensionierten Zubehör-Rasten besser bedient.

Das übersichtliche TFT-Display überzeugt mit guter Ablesbarkeit und einer intuitiven Bedienung über die Pfeiltasten am linken Lenkergriff. Wer moderne Motorräder gewohnt ist, wird sich ohne Blick in die Bedienungsanleitung sofort zurechtfinden.

Der einzige echte Kritikpunkt betrifft den elektrisch verstellbaren Windschild. Zwar lässt er sich komfortabel anpassen, verursacht jedoch ab etwa 100 km/h deutliche und spür- und hörbare Verwirbelungen. Moto Guzzi bietet im Originalzubehör eine höhere Touring-Scheibe an, die Fahrerinnen und Fahrern ab etwa 1,80 Metern Körpergrösse Abhilfe schaffen dürfte.

 

Traumhafter Antrieb für Tourenfahrer

Wie bei jeder Moto Guzzi bildet der quer eingebaute V2-Motor das Herzstück der Stelvio. Das wassergekühlte Aggregat mit 1'042 Kubikzentimetern Hubraum leistet 104 PS und entwickelt ein maximales Drehmoment von 113 Nm. Es überzeugt mit einem breiten, hervorragend nutzbaren Drehzahlband und kräftigem Durchzug, ohne dabei aggressiv oder übermässig fordernd zu wirken. Für ausgedehnte Landstrassentouren ist dieser Antrieb ideal.

Die Motorcharakteristik sowie das Ansprechverhalten von ABS und Traktionskontrolle lassen sich über fünf Fahrmodi an den persönlichen Fahrstil anpassen. Die gute Nachricht: Erfahrene Fahrerinnen und Fahrer können sich den häufigen Wechsel der Modi weitgehend sparen. Selbst im Sport-Modus bleibt die Stelvio dank der fein dosierbaren Leistungsentfaltung und des ausgewogenen Fahrwerks jederzeit gut beherrschbar – unabhängig vom Strassenzustand.

Ebenso überzeugend präsentiert sich die kräftig zupackende Bremsanlage. Sie verzögert die Reiseenduro souverän und vermittelt jederzeit viel Vertrauen. Wie fein sich die Brembo-Anlage im Gelände dosieren lässt, konnten wir allerdings nicht beurteilen, da sich während unseres Tests keine Gelegenheit für einen Offroad-Einsatz bot.In der Praxis dürften die meisten Stelvio-Besitzer ihre Maschine ohnehin nur selten abseits befestigter Strassen bewegen. Zwar sprechen der Offroad-Fahrmodus und die Speichenräder für eine gewisse Geländetauglichkeit, doch der begrenzte Federweg (170 mm), das 19-Zoll-Vorderrad, die Strassenbereifung sowie die exponiert geführte Abgasanlage setzen dem Einsatz im Gelände klare Grenzen. Zudem ist die formschöne Italienerin fast zu schade, um sie durch grobes Terrain zu treiben.

Dennoch vermittelt die Stelvio genügend Reserven, um auch dann gelassen weiterzufahren, wenn der Asphalt einmal endet. Schotterstrassen und einfache Offroad-Passagen dürften mit ihr problemlos zu meistern sein, womit sich der Aktionsradius auf Reisen spürbar erweitert.

Ihre wahren Stärken spielt die Moto Guzzi jedoch auf befestigten Strassen aus. Trotz eines Leergewichts von 245 Kilogramm wirkt sie erstaunlich handlich und vermittelt in schnellen Kurven viel Vertrauen. Die kurvenreichen Strassen des Schwarzwalds erwiesen sich als ideales Revier: Ob lang gezogene Radien oder enge Wechselkurven – die Stelvio bleibt präzise, stabil und lässt sich stets agil dirigieren. Wer es darauf anlegt, bringt in flotter Gangart mühelos die Fussrasten zum Funken.

Mindestens ebenso beeindruckend ist ihr Cruising-Potential. Mit niedriger Drehzahl über Land zu gleiten, das charakteristische Bollern des V2-Motors zu geniessen und die Landschaft entspannt vorbeiziehen zu lassen, gehört zu den schönsten Seiten dieser Reiseenduro. Die Stelvio lädt nicht zum Rasen ein – sie macht Lust aufs Reisen.