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Gibt es im Segment der Reiseenduros so etwas wie ein Statussymbol, dann ist es die Ducati Multistrada V4 Rally. Die mächtige Italienerin geizt nicht mit Superlativen. Ob Leistung, Ausstattung oder Preis – die Multistrada V4 Rally beansprucht in nahezu jeder Disziplin einen Spitzenplatz und demonstriert ihre Überlegenheit zumindest auf dem Papier eindrucksvoll.
Doch wie schlägt sich das Flaggschiff aus Bologna im Alltag? Um das herauszufinden, haben wir die Multistrada V4 Rally genau dort bewegt, wo sie sich am wohlsten fühlen dürfte: auf den kurvenreichen Schweizer Alpenpässen.
Wer ist die Schönste im ganzen Land?
Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Doch auch wenn Reiseenduros selten als Designikonen gelten, macht die Ducati Multistrada V4 Rally eine bemerkenswerte Ausnahme. Die Italiener beweisen einmal mehr ihr Gespür für Proportionen und Linienführung: Selbst die Multistrada V4 Rally, ein Motorrad mit 30-Liter-Tank und einem vollgetankten Gewicht von über 260 Kilogramm, wirkt erstaunlich elegant.
Die mächtige Multi ist auf den ersten Blick als Ducati erkennbar. Trotz ihrer imposanten Dimensionen gelingt es den Designern, ihre Pfunde geschickt unter einer dynamisch gezeichneten Verkleidung zu verbergen. Das Ergebnis ist eine Reiseenduro, die Präsenz ausstrahlt, ohne plump zu wirken.
Auch bei der Farbwahl lässt Ducati kaum Wünsche offen. Die Multistrada V4 Rally ist in insgesamt elf Lackierungen erhältlich. Das dezente Jade Green unserer Testmaschine gehört dabei noch zu den zurückhaltendsten Varianten. Wer es sportlicher mag, greift zur Performance- oder Ducati-Corse-Lackierung. Maximale Aufmerksamkeit garantieren hingegen die drei auffälligen Lamborghini-Farbvarianten, mit denen die Italienerin endgültig zum Blickfang wird.
Anlass zur Kritik?
So beeindruckend die Ducati Multistrada V4 Rally insgesamt auftritt, ganz ohne Kritikpunkte bleibt auch sie nicht. Allerdings fällt die Liste erfreulich kurz aus.
Der deutlichste Schwachpunkt ist die spürbare Hitzeentwicklung des V4-Motors. Zwar verfügen die aktuellen Modelle über eine Zylinderabschaltung der hinteren Zylinderbank, doch insbesondere bei langsamer Fahrt im Stadtverkehr gelangt nach wie vor viel Wärme an die Beine des Fahrers. Wer mit Motorradjeans oder luftiger Mesh-Bekleidung unterwegs ist, wird dies an warmen Sommertagen deutlich zu spüren bekommen.
Ein weiterer Kritikpunkt ist der Preis. Mit einem Grundpreis von 29'250 Franken bewegt sich die Multistrada V4 Rally auf einem entsprechend exklusiven Niveau. Angesichts der üppigen Serienausstattung ist das zwar nachvollziehbar, dennoch überrascht es, dass der Tankdeckel mit Keyless-Funktion nur gegen Aufpreis erhältlich ist. Bei einem Motorrad dieser Preisklasse dürfte ein solches Detail durchaus zur Serienausstattung gehören.
Der letzte Punkt betrifft nicht das Motorrad selbst, sondern das Aluminium-Koffersystem aus dem Original-Zubehörprogramm. Die Koffer werden von vorne geöffnet – eine Lösung, die auf den ersten Blick praktisch wirkt, weil der Zugriff ohne Umrunden des Motorrads möglich ist. Im Alltag zeigt sich jedoch ein Nachteil: Steht das Motorrad nahe an einer Wand oder in einer engen Garage, lässt sich mindestens einer der Koffer nur eingeschränkt oder gar nicht öffnen.
Passt auf Anhieb
Während unseres Tests liessen wir mehrere Fahrerinnen und Fahrer auf der Multistrada V4 Rally probesitzen. Das Fazit fiel einstimmig aus: Die Ergonomie passt auf Anhieb. Die Sitzbank bietet hohen Langstreckenkomfort, der Lenker liegt natürlich zur Hand und auch der Kniewinkel ist angenehm. Gleichzeitig sind die Fussrasten so positioniert, dass sie die Schräglagenfreiheit nicht unnötig einschränken.
Auch zu zweit fühlt sich die Multistrada ganz in ihrem Element. Fahrer und Sozius geniessen ein grosszügiges Platzangebot, und in Kombination mit den optionalen Koffersystemen steht mehr als ausreichend Stauraum für ausgedehnte Touren zur Verfügung.
Besonders beeindruckt hat uns der Windschutz. Das Windschild lässt sich mit nur einer Hand und ohne nennenswerten Kraftaufwand stufenlos verstellen. Noch wichtiger ist jedoch seine Wirkung: Unabhängig von der gewählten Position bietet es eine gelungene Balance zwischen effektivem Windschutz und angenehmer Frischluftzufuhr – störende Verwirbelungen bleiben dabei aus.
Ausgereifte Technik
Diesen positiven Eindruck setzt die umfangreiche Elektronikausstattung fort. Das hochauflösende TFT-Farbdisplay ist übersichtlich gestaltet und lässt sich intuitiv bedienen. Die zahlreichen Fahrmodi können individuell angepasst werden und greifen situationsgerecht ein, ohne das natürliche Fahrgefühl zu beeinträchtigen.
Selbst Assistenzsysteme wie Totwinkelwarner und adaptiver Tempomat, die wir im Tourenalltag sonst eher als nette Dreingabe betrachten, haben uns auf der Multistrada überzeugt. Der Abstandstempomat arbeitet ausgesprochen souverän: Weder Schaltvorgänge noch dichter Verkehr bringen das System aus der Ruhe. Geschwindigkeit und Sicherheitsabstand werden sanft und präzise geregelt – frei von hektischen Gasstössen oder abrupten Bremsmanövern.
Ebenso überzeugend präsentiert sich der Quickshifter, der in jeder Situation butterweiche Gangwechsel ermöglicht. Hier wird deutlich, wie ausgereift die Elektronik der Multistrada inzwischen ist. Sämtliche Systeme arbeiten harmonisch zusammen und verrichten ihre Aufgabe so unauffällig, dass sie das Fahrerlebnis unterstützen, anstatt es zu dominieren.
Traumhaftes Fahrwerk
Fahrerinnen und Fahrer mit kürzerer Schrittlänge werden die automatische Absenkfunktion des Fahrwerks zu schätzen wissen. Unterhalb von 10 km/h senkt sich die Multistrada um 30 Millimeter ab und erleichtert so das Rangieren und sichere Abstützen an der Ampel. Das Easy-Lift-System unterstützt zudem beim Aufbocken auf den Hauptständer, indem das Fahrwerk automatisch angehoben wird.
Seine grössten Stärken zeigt das semiaktive Skyhook-Fahrwerk jedoch während der Fahrt. Das intelligente System passt Dämpfung und Abstimmung kontinuierlich an den gewählten Fahrmodus, den Fahrstil und die Fahrbahnbeschaffenheit an. Das Ergebnis ist beeindruckend: Unabhängig von Beladung oder Untergrund gelingt der Spagat zwischen sportlicher Präzision und erstklassigem Langstreckenkomfort.
Selbst auf den teils holprigen Belägen des Klausenpasses liess sich die Multistrada nicht aus der Ruhe bringen. Das Fahrwerk sorgte jederzeit für sauberen Bodenkontakt und hervorragende Traktion – der Fahrer kann sich voll und ganz auf die nächste Kurve konzentrieren.
Nicht weniger überzeugend arbeitet die Brembo-Bremsanlage. Frühere Kritik an der schwammigen Hinterradbremse gehört bei der aktuellen Generation endgültig der Vergangenheit an. Sowohl Vorder- als auch Hinterradbremse lassen sich fein dosieren, entwickeln bei Bedarf aber enorme Verzögerungswerte und bringen die stattliche Italienerin jederzeit souverän zum Stehen.
Garant für maximalen Fahrspass
Last but not least bleibt noch der sagenhafte V4-Motor mit 1.158 cm³ Hubraum. Zugegeben, 170 PS in einer Reiseenduro sind jenseits von gut und böse und bestimmt nichts was man zwingend braucht. Aber in der Summe mit den bereits erwähnten Komponenten und dem ausgereiften Elektronikpaket ergibt sich eine Fahrmaschine, welche beinahe die Grenzen der Physik zu überwinden vermag.
Die 200 Millimeter Federweg bügeln selbst die schlechtesten Strassen glatt und ermöglichen sportliche Fahrten auf beinahe jedem Untergrund. Dabei bleibt die Ducati Multistrada jederzeit kontrollierbar, sowie komfortabel und vermittelt ein Sicherheitsgefühl, das in dieser Klasse einzigartig ist. Ja, die Multistrada V4 Rally kostet eine gute Stange Geld, aber was Ducati dafür bietet, ist wirklich beeindruckend und ein Garant für maximalen Fahrspass.
Retos Fazit
Ducati schnürt mit der Multistrada V4 Rally ein Gesamtpaket, das bei mir einen ausgeprägten Haben-wollen-Effekt auslöst – obwohl mir durchaus bewusst ist, dass dieses Motorrad für viele Einsatzzwecke vollkommen überdimensioniert und alles andere als vernünftig ist.
Würde nur ein einziges Motorrad in meiner Garage stehen, wäre die Multistrada V4 Rally definitiv eine heisse Kandidatin. Kaum eine andere Reiseenduro beherrscht den Spagat zwischen Langstreckenkomfort, Tourentauglichkeit und sportlicher Fahrdynamik so souverän wie die Multi in der Rally-Ausführung. Selbst einen Abstecher über unbefestigte Wege oder leichtes Gelände würde ich mir mit ihr aufgrund ihrer überraschenden Zugänglichkeit durchaus zutrauen.
Neben den herausragenden Fahreigenschaften begeistert mich die ausgereifte Technik und die hochwertige Verarbeitungsqualität. Positiv fällt zudem die grosse Auswahl an Farbvarianten auf – eine willkommene Abwechslung in einem Motorradmarkt, der häufig von einer überschaubaren Paletten geprägt ist. Besonders die Ducati-Corse-Lackierung verleiht der Multistrada einen nochmals dynamischeren Auftritt und wäre für mich den Aufpreis definitiv wert.
Wer sich im umfangreichen Ducati-Konfigurator austobt, findet neben den verschiedenen Lackierungen bestimmt weitere passende Zubehöroptionen. Damit lässt sich der Preis jedoch schnell deutlich über die Marke von 30'000 Franken treiben.
Ob man bereit ist, eine solche Summe für ein Motorrad auszugeben, muss letztlich jeder für sich selbst entscheiden. Angesichts der gebotenen Technik, der Qualität und der beeindruckenden Bandbreite an Einsatzmöglichkeiten erscheint der Gegenwert den die Multistrada V4 Rally bietet aus meiner Sicht jedoch absolut angemessen.
Lukas’ Fazit
Es kommt nicht alle Tage vor, dass ich nach 10 Minuten Anfahrt schon als Fotofahrer dynamische Schräglagen auf einem mir neuen Töff zeigen muss. Geschehen so mit der Multistrada V4 Rally. Bei der dritten Durchfahrt kratzten die Fussrasten.
Was ich damit sagen will: Auf der Multistrada fühle ich mich auf Anhieb dermassen pudelwohl, dass ich quasi aus dem Stand dynamisch mit ihr fahren kann und immer noch Sicherheitsreserven habe. Ermöglichen tun dies ein souveräner 170PS-V4, welcher weniger vibriert als andere Motoren von Grossenduros, und ein vortrefflich abgestimmtes elektronisches Skyhook-Fahrwerk mit 200 mm Federweg. So stellt sich der Fahrspass umgehend ein. Logisch, dass man kaum mehr absteigen möchte!
Das ist auch der kommoden Sitzposition für Pilot und Copilot, was wir selbstverständlich ausprobiert haben, zu verdanken. Die Elektronik funktioniert ebenfalls auf höchstem Niveau und lässt keine Wünsche offen.
Ducati bietet hier in der Tat ein höchst ausgefeiltes Luxusbike feil, bei dem es schwierig ist, ein Haar in der Suppe zu finden. Natürlich sorgt der Einstandspreis für eine staubtrockene Kehle, aber es wird einem richtig viel geboten dafür.
Notorische Nörgler könnten für diese Rally-Version ein 21 Zoll-Vorderrad fordern, wegen Vorteilen im Gelände – wo sie aber mit diesem 260 kg-Brocken kaum anzutreffen sein werden. Diejenigen, die solche Dickschiffe Offroad beherrschen, beklagen sich nicht darüber, sie fahren einfach. Mögliche Kritik ist deshalb oft Ansichtssache. Und auf der Strasse funktioniert sie sowieso überragend, da sind sich wieder alle einig.






























