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13. Mai 2026Der neue Dreizylinder-Supersportler tritt aus dem Schatten der legendären R6
Seit dem Aus der R6 im Jahr 2021 fehlte bei Yamaha ein strassenzugelassener Supersportler der Mittelklasse. Nun schliesst die neue R9 diese Lücke – allerdings auf völlig andere Art als ihre hochdrehende Vorgängerin. Statt Reihenvierzylinder setzt Yamaha auf den bekannten 900-Kubik-Dreizylinder, verpackt das Aggregat jedoch in ein kompromisslos sportliches Gesamtkonzept.
Wer nun glaubt, die Ingenieure hätten lediglich eine MT-09 mit Lenkerstummeln und Vollverkleidung versehen, liegt gewaltig daneben. Der CP3-Triple steckt in einem komplett neu entwickelten Alu-Deltabox-Rahmen, was zwangsläufig auch eine völlig neue Peripherie nach sich zieht – von Fahrwerk und Ergonomie bis hin zur Elektronik. Kurzum: Die R9 ist weit mehr als ein verkleidetes Naked Bike. Grund genug also, uns eine Testmaschine zu schnappen und herauszufinden, ob Yamaha mit der R9 tatsächlich die neue Referenz unter den sportlichen Mittelklasse-Bikes gelungen ist.
Supersport, nicht Strassensport
Schon die erste Sitzprobe macht deutlich: Hier geht es kompromisslos zu und her. Auch wenn der Tank nicht so lang wie auf den Supersportlern der 80er- und 90er-Jahre ist, die Clip-on-Lenkerstummel sind trotzdem sehr tief angeflanscht, der Hintern hoch, die Kniewinkel eng. Eine rennstreckenoptimierte Position. Genauso wie alles andere an der R9. Der Alurahmen ist brandneu und der leichteste seiner supersportlichen Art bisher bei Yamaha und notabene mit Bestwerten in Verwindungssteifigkeit. Natürlich gibt es Winglets an der Vollverschalung und gebremst wird mit einem vorzüglichen Brembo-Mix. Selbstredend steht die Yamaha R9 auch noch auf superklebrigen Bridgestone Battlax RS11 Hypersport-Reifen.
Auf Sport getrimmter Dreizylinder
Dass der bewährte Yamaha-CP3-Motor auf der Landstrasse hervorragend funktioniert, ist allgemein bekannt. Bereits beim Anfahren katapultiert mich die R9 förmlich nach vorne – wie an einem straff gespannten Gummiband. Von einem derart satten Durchzug konnte die selige R6 nur träumen. Positiv fällt dabei auch die sportlich längere Übersetzung auf. Gerade in diesem Zusammenspiel überzeugt die leicht dosierbare Kupplung: Beim Beschleunigen aus dem Stand lässt sich lange und präzise am Schleifpunkt arbeiten – ein Detail, das ambitionierte Racer besonders zu schätzen wissen.
Für den sportlichen Strasseneinsatz bringt der Dreizylinder mit seiner druckvollen Mitte also beste Voraussetzungen mit. Zwar entspricht die Hardware des Triples jener der MT-09, doch bei Mapping und Elektronikabstimmung geht Yamaha eigene Wege: Beide Systeme wurden aus den Technologien der R1 abgeleitet. Entsprechend souverän gehen die 119 PS mit den vollgetankt 195 Kilogramm um – Mühe kennt die R9 dabei definitiv keine.
Präzise wie ein Tüpflischiisser
Und ich habe keinerlei Mühe mit dem Fahrverhalten. Ganz ehrlich: Bereits bei Landstrassentempo kommen die Qualitäten eines waschechten Supersportfahrwerks vollends zum Tragen. Wie an der Schnur gezogen fliege ich durch Kurven aller Radien und treffe stets die angepeilte Richtung. Es ist eine wahre Freude, wie zielgenau die R9 meinen geplanten Linien folgt. Gleichzeitig glänzt sie mit einer begeisternden Stabilität, ist frei von jeglicher Nervosität oder Hyperaktivität. Die sämig dämpfende und deutlich straffe Federung passt bei gutem Asphalt hervorragend. Auch handlich ist die R9 durchaus, von etwas Körpereinsatz profitiert das Fahrerlebnis extrem. Dieses sehr sportliche Fahrverhalten ist wirklich eine Riesengaudi. Bei bestem Hochsommerwetter ist es deshalb ein Hochgenuss, langgezogene Kurven auf Passstrassen mit etwas Hang-off und dem Kopf auf Höhe der Rückstrahler der Strassenpfosten zu inhalieren. Dazu passt die perfekt dosierbare und gigantisch wirkende Brembo-Bremserei, ein Bremsencocktail erster Güte, wie es sich für eine Sportlerin gehört.
Wer A sagt, muss auch B sagen
Wie beim echten Sportwagen kaum Gepäck in den improvisierten Kofferraum passt, erweist sich auch die R9 als wenig gastfreundlich für Alltagsutensilien – selbst für eine Handyhalterung findet sich nur schwer ein geeigneter Platz. Auch die Optionsliste für zusätzlichen Stauraum bleibt überschaubar.
Die asketische Sportlerseele dürfte das jedoch kaum stören. Denn im Mittelpunkt steht nicht die Praktikabilität, sondern die Dynamik. Und genau hier setzt die R9 ein klares Ausrufezeichen: Sie ist konsequent auf zügige Fortbewegung ausgelegt – und trifft damit ins Schwarze.
Lukas Fazit:
Es bleibt dabei: Ein Supersportler ist kompromissloser und bei engagierter Fahrweise schlicht faszinierender als ein sportliches Naked Bike. Genau das beweist auch die Yamaha R9. Sie atmet, schreit und pulsiert Sport – und sie fordert ihn kompromisslos ein. Wer ihren Charakter versteht und ihren Rhythmus mitgeht, wird mit einem Fahrerlebnis belohnt, das süchtig macht. Gemeinsam jagen Fahrer und Maschine dem Horizont entgegen.
Ob die R9 allerdings als einziger Töff in der Garage taugt, darüber lässt sich durchaus diskutieren. Sie ist und bleibt eine reinrassige Sportlerin. Wer Komfort und Alltagstauglichkeit priorisiert, dürfte mit einer MT-09 oder gar einer Tracer 9 besser bedient sein. Unbestritten ist hingegen das begeisternde supersportliche Fahrverhalten der R9 – genau jenes Element, das Sportfahrer ins Schwärmen bringt.
Hinzu kommt ein weiterer Vorteil des Dreizylinders: In mittleren Drehzahlbereichen liefert er deutlich mehr Drehmoment als die klassischen 600er-Vierzylinder früherer Supersportler. Verwertbare Leistung steht somit schon früh bereit, ohne dass der Motor permanent in höchste Drehzahlregionen geprügelt werden muss.
Und ist die R9 jetzt die neue Referenz unter den sportlichen Mittelklasse-Motorrädern? Ja – Yamaha ist mit der R9 tatsächlich ein grosser Wurf gelungen. Sie ist kein nostalgischer Ersatz für die R6, sondern eine moderne Interpretation des Mittelklasse-Supersportlers. Brutal präzise, emotional und fahrdynamisch herausragend. Ob die R9 bereits die unumstrittene Referenz unter den sportlichen Mittelklasse-Bikes ist, darüber mögen die Meinungen auseinandergehen – dass sie jedoch zu den heissesten Anwärterinnen auf diesen Titel zählt, steht ausser Frage.


























