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Ducati Multistrada V4 RS – die Fahrmaschine

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Eine Woche voller aussergewöhnlicher Fahrerlebnisse

Nachdem ich die Ehre hatte, die Ducati Multistrada V4 Pikes Peak zu testen, liess ich mich natürlich nicht zweimal bitten, als sich mir die Gelegenheit bot, die veredelte Multistrada V4 RS zu fahren. Testberichte zur noblen italienischen Sporttourerin sind relativ rar gesät. Es ist demnach keine Selbstverständlichkeit, dass einem eine RS zur Verfügung gestellt wird. Deshalb möchte ich mich an dieser Stelle herzlich bei Ducati Schweiz für das entgegengebrachte Vertrauen bedanken. Die Woche, die ich mit diesem exklusiven Motorrad verbringen durfte, bot aussergewöhnliche Fahrerlebnisse, die gewiss nicht alltäglich sind.

 

Unterschiede zur Pikes Peak

Auch wenn die Multistrada V4 Pikes Peak und die RS sich sehr ähnlich sehen, fallen die Unterschiede deutlich höher aus als erwartet. Das Hauptaugenmerk liegt dabei natürlich auf dem Herzstück, dem mächtigen V4 mit 1103 Kubikzentimetern Hubraum. Im Gegensatz zur Pikes Peak wurde der V4 der RS von der Panigale und der Streetfighter übernommen. Er verfügt demzufolge über die desmodromische Ventilsteuerung. An die Multistrada angepasst, leistet er 180 PS und verfügt über ein maximales Drehmoment von 118 Nm. Darüber hinaus wurde die RS mit einer Trockenkupplung aus Billet-Aluminium, einem Titan-Heckrahmen, geschmiedeten Aluminiumrädern von Marchesini und rot lackierten Brembo-Stylema-Bremssätteln veredelt sowie mit einer hochwertigen, matten Lackierung in Iceberg-White überzogen. Mit anderen Worten: An dem Bike wurde alles verbaut, was gut und teuer ist.

 

Die simpelste Tuningmassnahme ist jedoch die, die sich vermutlich am stärksten bemerkbar macht. Die RS ist mit einem Zahn weniger am Ritzel und einem zusätzlichen Zahn am Kettenblatt spürbar kürzer übersetzt als ihre „preisgünstigere“ Schwester. Wer jedoch mit dem Gedanken spielt, sich die Multistrada Pikes Peak zu kaufen und die Übersetzung zu ändern, den muss ich an dieser Stelle enttäuschen. Die Elektronik der Pikes Peak lässt sich nicht auf das veränderte Übersetzungsverhältnis anpassen. Wer in den Genuss der kürzeren Endübersetzung kommen möchte, für den ist die Ducati Multistrada V4 RS die zwingende Wahl.

 

Gemeinsame Tugenden

Von aussen betrachtet sind die Unterschiede zur Pikes Peak zahlreich. Sobald man jedoch im Sattel der RS sitzt, fallen die Gemeinsamkeiten deutlich stärker ins Gewicht. Die Trockenkupplung ist nur im Stand leicht hörbar. Im Fahrbetrieb verhält sich die RS genauso tugendhaft wie die Pikes Peak. Sie lässt sich spurstabil um langgezogene, schnelle Kurven dirigieren, ist im engen Geläuf aber trotzdem extrem agil. Bodenunebenheiten werden vom Smart-EC-2.0-Fahrwerk von Öhlins spiegelglatt gebügelt und die Bremsleistung ist, wenig überraschend, trotz der rot lackierten Bremssättel ebenfalls unverändert geblieben. Die Brembo Stylema ist unabhängig von der Farbe erstklassig, lässt sich wunderbar dosieren und verzögert zuverlässig bis ans Limit – da gibt es gar nichts auszusetzen.

Der 10 PS stärkere Desmosedici Stradale V4 spielt seine zusätzlichen Muskeln vor allem im oberen Drehzahlbereich aus und zeigt sich im Vergleich zum Motor der Pikes Peak etwas drehfreudiger. In der Landstrassenpraxis wird man sich jedoch selten in so hohen Drehzahlregionen bewegen, vor allem, wenn einem der Erhalt des Führerscheins lieb ist. Die Vorteile der höheren Leistung und der desmodromischen Ventilsteuerung sind im Fahrbetrieb deshalb überschaubar.

Wie eingangs erwähnt, ist die kürzere Übersetzung die Anpassung, die sich am stärksten auf das Fahrerlebnis auswirkt. Die Ducati Multistrada V4 RS fühlt sich bereits ab dem Stand spürbar spritziger an. Vor allem in den untersten vier Gängen hängt sie deutlich besser am Gas. Ausserdem lässt sie sich innerorts im dritten Gang fahren, ohne dass der Tourenzähler unter 3.500 Touren fällt. Die kürzere Übersetzung passt einfach besser zum sportlichen Charakter des Motorrads und ist nüchtern betrachtet das überzeugendste Argument für den Kauf der RS.

 

Lohnt sich der Aufpreis?

Angesichts der Tatsache, dass die Multistrada V4 RS im Vergleich zur Pikes Peak rund 6.000 Franken mehr kostet, stellt sich natürlich die Frage, ob sich der Aufpreis lohnt.

Rein rational betrachtet könnte man argumentieren, dass das verbaute Zubehör einzeln deutlich teurer wäre und die RS aufgrund der limitierten Stückzahl wertstabiler ist. Es gibt also durchaus Argumente, die auf dem Papier für den Kauf der RS sprechen.

Fahrtechnisch sieht die Sache jedoch anders aus. Klar, die kürzere Übersetzung ist ein eindeutiges Plus. Aber allein die ist keine sechs Riesen wert. Und die zwei Kilo Gewichtsersparnis machen auch keinen nennenswerten Unterschied. Aus dem Sattel und mit einem vernünftigen Blick gesehen, spricht demzufolge alles für die Pikes Peak.

Aber seien wir mal ehrlich: Wären wir alle vernünftig und rein rational denkende Menschen, würden wir nicht Motorrad fahren. Und das Herz zielt eindeutig auf die RS. Der Stolz, ein spezielles Bike in der Garage zu haben, das nicht an jeder Ecke steht, mit einem Desmosedici Stradale V4, edelsten Bauteilen und einer wunderschönen matten Lackierung – das sind Dinge, die die Herzen von Motorrad- und insbesondere Ducati-Fans höher schlagen und sich nicht mit Geld aufwiegen lassen.

Wer die Kohle und Freude am exklusivsten aller Sporttourer hat, kann ohne Reue zur Multistrada V4 RS greifen. Wer die 6.000 Franken jedoch lieber in schöne Motorradtouren investiert, macht mit der Pikes Peak absolut nichts falsch und wird ebenfalls viele tausend Kilometer mit einem breiten Grinsen unter dem Helm über die Landstrassen heizen.

Retos Fazit:

Nachdem ich die beiden Fahrberichte zur Multistrada V4 Pikes Peak und zur Multistrada V4 RS verfasst habe, wurde eigentlich schon alles Erwähnenswerte zu Papier bzw. auf den Bildschirm gebracht. Um mein Fahrerlebnis auf den Punkt zu bringen, kann ich nur noch eines hinzufügen. Während der Testphase der Multistrada V4 RS war ich mal wieder auf dem Klausenpass unterwegs. Eine Passstrasse, die aufgrund des schlechten Strassenzustands allgemein wenig beliebt ist. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals so schnell über den Klausen gefahren bin und mich dabei so sicher gefühlt habe. Die Multistrada V4 RS ist auf Passstrassen eine absolute Granate. Das Fahrwerk lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, harte Bremsmanöver sind selbst in tiefen Schräglagen absolut kein Problem und der V4 feuert aus den Spitzkehren wie kaum ein anderes Aggregat.

Wenn ich mit meinem eigenen Motorrad nicht hin und wieder auf unbefestigte Wege abbiegen möchte, wäre die Ducati Multistrada V4 RS eine grosse Gefahr für meinen Kontostand. Die italienische Sporttourerin ist ein absolutes Multitalent und meistert jede Fahrsituation auf Pass- und Landstrassen mit Bravour. Eine Fahrmaschine erster Güte, die zudem ohne Einschränkungen langstrecken- und tourentauglich ist – besser geht es wirklich nicht.